Wärmenetze im Grenzgebiet: Individuelle Lösungen

Gute Wärmekonzepte für Biogasanlagen: Worauf kommt es dabei an? Welche Modelle gibt es? Wo liegen die Schwierigkeiten und mögliche Stolperfallen? Antworten auf solcherlei Fragen holt man sich am besten bei jemandem, der sich damit auskennt. Die Möglichkeit zu ausgiebigen Gesprächen mit Praktikern bot eine Exkursion zu vier Biogasanlagen im Nordwesten Schleswig-Holsteins, die die Regionale Bioenergieberatung der Maschinenringe des Landes ausgerichtet hatte. Dass sie ausgebucht war, zeigt das große  Interesse, das dieses Thema derzeit sicher nicht nur in Norddeutschland erfährt.Vier Stationen – vier Modelle. Eines zeigte die Bereisung deutlich: Den Königsweg zur optimalen Nutzung von Wärme aus Biogas gibt es nicht. Vielmehr muss das Konzept maßgeschneidert sein für die Bedingungen vor Ort. Der Standort der Anlage gehört dabei ebenso zu den entscheidenden Faktoren wie Größe, Struktur und Wärmebedarf in der Standortgemeinde.

Erste Exkursionsstation: Dörpum, ein Ortsteil der Gemeinde Bordelum mit rund 450 Einwohnern. Die dortige Biogasanlage ist seit 2007 in Betrieb und liefert seit 2008 neben dem Strom auch Wärme für zunächst etwa 60 Prozent der Haushalte. Letzten Herbst wurde sie von bisher 625 kW um ein zweites Blockheizkraftwerk (BHKW) mit eigener kompletter Gärstrecke und damit um 250 KW elektrische Leistung erweitert. „Die Nachfrage im Dorf war da“, so Betriebsführer Rüdiger Schmidt, der selbst zu den acht Gesellschaftern der Anlage gehört. Neben weiteren Wohnhäusern wurden auch der Kindergarten, das Feuerwehrgerätehaus und das Dörpumer Dorfgemeinschaftshaus an das nun knapp viereinhalb Kilometer lange Wärmenetz angeschlossen; rund drei Viertel der Dörpumer heizen jetzt mit Wärme aus Biogas.

Ähnlich der Ansatz in Neukirchen nahe der dänischen Grenze, jedoch in dieser ehemaligen Amtskommune mit zahlreichen großen öffentlichen Liegenschaften mit weniger Privatabnehmern. Rund 20 Gesellschafter aus den Gemeinden Rodenäs, Aventoft und Neukirchen, 18 davon Landwirte, haben sich hier zusammengefunden und 2007 zunächst die nach den drei Orten „RAN“ genannte Anlage, im Jahr darauf das Wärmenetz in Betrieb genommen (siehe Joule Ausgabe 2/2008). Es besteht aus einer Leitung zu einem landwirtschaftlichen Betrieb und einer zu Wohnhäusern in Anlagennähe sowie einer dritten ins Zentrum der Gemeinde, wo ein Gebäudekomplex aus Schule, Kindergarten, Sporthalle und Schwimmbad angeschlossen ist, erläuterte Geschäftsführer Edlef Holm Kjer. Auch in Neukirchen wurde im Herbst von ursprünglich 526 kW um 250 kW erweitert, die Wärmeleitung ins Dorf verlängert, so dass nun weitere öffentliche, Gewerbe- und Privatgebäude versorgt werden können.

Derlei große Liegenschaften gibt es in Linnau nicht, einem von sechs Ortsteilen der Gemeinde Lindewitt im Kreis Schleswig-Flensburg „ohne jegliche Infrastruktur wie Bäcker, Kaufmann oder ähnliches“, wie Peter Jepsen den Exkursionsteilnehmern erklärte. Jepsen ist einer von fünf Gesellschaftern der Biogasanlage mit insgesamt 1.110 kW elektrischer Leistung, die 2005 gebaut wurde. Das Wärmenetz folgte in mehreren Bauabschnitten, heute sind den Angaben zufolge 69 Häuser mit insgesamt 90 Wohneinheiten und damit 90 Prozent der Linnauer Haushalte angeschlossen.Insgesamt 630.000 Euro wurden für Leitungen und Hausanschlüsse investiert, davon 415.000 Euro über Eigenmittel und Kredite, der Rest aus Zuschüssen der KfW für Hausanschlüsse ,  die ab 2008 gewährt wurden .- Die Wärme wurde zunächst zum halben Heizölpreis verkauft, seit 2007 zahlen die Abnehmer 2,9 Cent pro kWh (inklusive Mehrwertsteuer), fest zunächst bis zum 30. Juni 2012. Jepsen: „Danach werden wir auf der Basis des dann gültigen Ölpreises neu berechnen.“„Wir verkaufen die Wärme, die wir übrig haben – dafür günstig“, erläuterte er die Linnauer Strategie; sollte die Versorgung ausfallen, müssen die Kunden sich selbst helfen. Passiert sei dies allerdings bis heute nicht, auch im sehr kalten  Winter 2009/201 reichten die Kapazitäten aus. „Auch eine Ölheizung kann ja mal kaputtgehen.“

Dass neben ganzen Wärmenetzen auch die Zusammenarbeit mit nur einem Großabnehmer sinnvoll sein kann, zeigt das Beispiel Biogas Alte Au im nordfriesischen Bramstedtlund. Neben einem einzelnen Wohnhaus einziger Wärmekunde ist hier die Bundeswehr, die auf diese Weise kostengünstig ihr nahegelegenes Depot für Sanitärtsmaterial beheizt. Wegweisend ist dabei die Vertragsgrundlage, die die Partner entwickelt haben. Denn einfach so einen Wärmeliefervertrag zu schließen – das ist für die Bundeswehr nicht möglich ohne europaweite Ausschreibung, erläuterte Anlagenmitgesellschafter Michael Puschmann.

 Die Lösung: Die Bundeswehr zahlte einen einmaligen Baukostenzuschuss für die Wärmeleitung (zwischen 50 und 60 Prozent, so Puschmann auf Nachfrage) und erhält dafür zehn Jahre lang die in der Anlage produzierte Wärme. Vorteil für die Bundeswehr: Sie spart nach eigenen Informationen Angaben nun jährlich etwa 80.000 bis  100.000 Euro an Heizkosten. Vorteil für die Anlagenbetreiber trotz der zusätzlichen Investition: Sie sichern sich auf diese Weise den KWK-Bonus für den eingespeisten Strom, immerhin laut dem für sie relevanten EEG von 2004 etwa zwei Cent pro Kilowattstunde.„Zwei Jahre hat es gedauert, bis wir das unter Dach und Fach hatten“, berichtete Michael Puschmann. Mit ihrem Geschäftsmodell seien die 14 Bramstedtlunder Pioniere, nun folgten auch andere in der Region mit etlichen weiteren Bundeswehrstandorten diesem Beispiel: „Die Tür zur Bundeswehr ist auf.“Mit ihren rund zwei Millionen kWh Wärme pro Jahr liefere die Biogas Alte Au im Winter zumindest die Grundlast für die rund 12.000 Quadratmeter Hallenfläche Bundeswehrliegenschaft; für Spitzenlasten bliebe nach wie vor ein Ölkessel in Betrieb. Das heißt, die Biogasanlage stellt „Wärme nach Angebot“ bereit, also ohne Versorgungsgarantie.Stichwort Vollversorgung: ein kontrovers diskutiertes Thema bei der Bereisung. Kontrovers auch die Positionen der Anlagenbetreiber. In Dörpum etwa bietet man die garantierte Vollversorgung, was bedeutet, jederzeit Wärme bereitstellen zu müssen, auch wenn das BHKW ausfällt; der dafür angeschaffte Redundanzkessel bedeutet zusätzliche Kosten, aber auch die Möglichkeit, einen entsprechend höheren Wärmepreis zu erzielen.Für die Abnehmer, die ihre alten Heizkessel ausrangieren konnten, rechnet sich das trotzdem, so Rüdiger Schmidt: Die Vergleichsaufstellung für 2009 nach einer komplizierten Formel unter Zuhilfenahme von Zahlen des statistischen Bundesamtes weise eine Kostenersparnis von, je nach Ausgangslage der Haushalte, durchschnittlich 15 Prozent aus: „Und wenn, wie zu erwarten ist, die Energiepreise steigen, fällt die Bilanz noch ganz anders aus.“In Neukirchen dagegen wird Wärme „nach Können und Vermögen“ bereitgestellt – laut der Verträge von 2007 fünf Jahre lang zu einem Festpreis von 4 Cent pro kWh; zum Vergleich: zehn kWh entsprechen etwa einem Liter Heizöl. Peter Jepsen und seine Mitgesellschafter wollten ebenfalls „über die Hürde Vollversorgung nicht springen“, wie er es formulierte. Nicht zuletzt das kostengünstige Wärmeangebot ohne Anschlusspreis und Grundgebühr dürfte in Linnau für die hohe Anschlussquote von 90 Prozent gesorgt haben – und der Akzeptanzförderung dienen.Akzeptanz: ein weiteres wichtiges Diskussionsthema und einer der zentralen Aspekte bei der Biogasnutzung überhaupt. Auch hier verfolgt jede Betreibergesellschaft ihre eigene Linie je nach örtlichen Gegebenheiten. Das generelle Angebot kostengünstiger und umweltfreundlicher Wärme für die Bürger aber dürfte, wie vor allem die drei vorgestellten Anlagen mit Wärmenetzen zeigen, eine Schlüsselrolle in Sachen Akzeptanz für die Biogasanlage vor der eigenen Haustür spielen.Dörpum mag darüber hinaus als Beispiel dafür dienen, dass bestimmte betriebliche Gegenheiten wie das eingesetzte Substrat und der Anlagenstandort ebenfalls konfliktmindernd wirken können. Gülle und Mais werden hier zu etwa gleichen Anteilen vergoren, was der oft geäußerten Kritik an Maismonokultur als Folge von Biogasanlagen die Spitze nimmt. Der Standort am Dorfrand, aber nahe der drei gülleliefernden Betriebe macht es zudem möglich, die frische Gülle per eigens verlegter Leitungen zur Anlage zu pumpen und vergorenes Substrat ebenfalls per Rohrleitung den Beterieben zurück zu liefern. Bei rund 10.000 Kubikmetern verarbeiteter Frischgülle im Jahr erspart das den Anwohnern viele Fahrten von Treckern mit Gülleanhängern – übrigens eine Strategie, die ähnlich auch in Neukirchen Anwendung findet.

In Linnau dagegen wird ausschließlich Mais vergoren, dessen Heranschaffen unbestreitbar eine temporäre Belastung für die Dorfbewohner bedeutet, räumte Peter Jepsen ein. Im ersten Betriebsjahr sei denn auch die eine oder andere kritische Äußerung gefallen. Heute jedoch, wo fast alle im Dorf von der günstigen Wärme aus Biogas profitieren, seien diese Stimmen verstummt, so Jepsen: „Wenn wir jetzt durchs  Dorf fahren, heißt es: ‚Guck mal, da fährt unsere Energie.'“

Der Text dieses Berichts wurde am 27. November 2010 veröffentlicht im Bauernblatt, der landwirtschaftlichen Wochenzeitung für Schleswig-Holstein.